Datum: 20-10-17  Time: 17:59 Nachmittag

Autor Thema: Der Krieg - von Dan Edwards  (Gelesen 2591 mal)

Steffen

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Der Krieg - von Dan Edwards
« am: Januar 13, 2013, 05:41:51 Nachmittag »
Dudes,

Luke und ich haben uns heute mal daran gemacht den ersten einer ganzen Reihe von Texten zu übersetzen, von denen wir finden, dass jeder sie gelesen haben sollte. Bleibt kritisch und hinterfragt, stärkt und entwickelt eigene Standpunkte. Aber eine Auseinandersetzung sollte schon erfolgen.
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Der Krieg  - von Dan Edwards

Zur Zeit ist es nicht üblich über Training oder Fortschritt im Sinne eines Konfliktes zu sprechen – oft wird gesagt, man solle in erster Linie mit Bedacht und nicht hart, trainieren. Man solle sich zügeln. Innerhalb der eigenen Grenzen arbeiten. Die Prinzipien jedweder Sportwissenschaft beachten. Und von einem physiologischen Standpunkt aus betrachtet ist dies alles häufig fundiert und es wäre weise, dem zu folgen.

Dennoch wird in der Ausübung von Parkour auch immer ein Krieg geführt. Ein psychischer Kampf, mit dem man vor jedem Sprung und jeder Bewegung, die man noch nicht gemeistert hat, konfrontiert ist. Jedes Mal, wenn die Angst vor dem dem Fallen und dem Versagen ihre dunklen Schwingen über uns ausbreitet und uns rät aufzugeben, nach Hause zu gehen, es an einem anderen Tag zu versuchen (quasi ein Croissant zu essen – Anm. d. Übers.) und die Niederlage zu akzeptieren. Der Feind ist, selbstverständlich, unser eigenes Selbst, das sich in der Herausforderung der Umgebung während des Trainings manifestiert. Und dies ist ein Feind, der nicht einfach durch bedächtiges Training oder das Verbleiben innerhalb der eigenen Grenzen zu besiegen ist. Ihm muss auf Augenhöhe begegnet werden, in einer sehr ursprünglichen Art und Weise, bis einer von beiden – er oder man selbst – zu Boden gerungen wurde.
An dieser Stelle braucht man, was als rohe Beißkraft bezeichnet werden kann. Das ist ein Teil des Trainings, der nicht so leicht zu bewältigen ist. Stark, oder fit, oder schnell zu werden, sich elegant zu bewegen – das ist kein komplizierter Prozess. Das richtige Training in seiner Regelmäßigkeit wird Ergebnisse bringen. Schlicht.       

Den Kampf im Geist zu führen ist dagegen alles andere als das.

Es ist unmöglich vorauszusagen, wie jemand in der Situation der Herausforderung durch sich selbst reagieren wird – wird man von der Angst überwältigt oder steigt man empor, um sie zu überwinden? Wird man die nötige innere Kraft demonstrieren, um sich durch diese Anstrengungen zu tragen – oder wird man einen einfacheren Weg suchen? Die unangenehme Wahrheit ist, dass wir nicht sagen können, wie wir reagieren würden, bis wir diese Schlacht selbst geschlagen haben. Genauso wenig wird irgendjemand anderes mit Gewissheit abschätzen können, wie es einer bestimmten Person ergehen wird, wenn sie sich in dieser Situation befindet. Oft kann man beobachten, wie sich jemand in einem 'sicheren' Trainingsrahmen sehr hervortut, beispielsweise in einem Indoor-Training, während er sich vor den gleichen Bewegungen in einer Umgebung, die  mehr Risiken birgt, scheut. 

Der Geist ist der gerissenste Gegner von allen, der durchtriebenste und der ausdauendste. Und er wird jeden erdenklichen Trick anwenden um dich zu ermutigen den Kampf aufzugeben. „Du bist müde heute.“, wird er flüstern. Oder vielleicht: „Es ist noch ein bisschen nass vom Regen, warte besser noch einen Tag.“. „Push dich nicht so hart, du wirst dich sonst vielleicht verletzen.“, wird er warnend zu bedenken geben. Und er wird dir letztlich versichern: „Du kannst jederzeit wiederkommen. Du kannst es morgen machen. Lass es für heute gut sein.“
Wenn man jedoch jedes Mal auf diese zischende Stimme hört wird bald das innere Feuer komplett verglimmt sein. Und wenn man eines Tages zurückkehrt, um den Sprung wirklich zu machen, fühlt man sich außer Stande, die nötige Kraft aufzubringen.

Wie sorgen wir dem vor? Indem wir diese Stimme überhören – oder zumindest ihr nicht allzu häufig Gehör schenken. Man muss diesen inneren Kampf öfter gewinnen, als man ihn verliert. Man sollte sich anhören, was sie zu sagen hat (wer weiß, so manches Mal wird sie durchaus Recht haben!), Notiz nehmen von ihren Warnungen und Ratschlägen, diese unter „registriert“ einordnen.
Und ihr dann befehlen die Schnauze zu halten, um sich anschließend wieder daran zu machen dieses eine bestimmte Hindernis zu überwinden.

Es gibt unzählige Methoden diesen Kampf zu führen – ich sage bewusst nicht „gewinnen“, denn es ist keiner den man irgendwann gänzlich gewinnen kann – und ich habe Individuen viele verschiedene Strategien erfolgreich anwenden sehen: Visualisierungstechniken, Ablenkungstechniken, Zorn, Mantras, Musik... aber alle diese Individuen haben gemein, dass sie einen Blick voll schierem Fokus teilen, resolut, voller Hingabe. Und den Sprung letztlich machen. Das ist die rohe Beißkraft, das ist der Moment der puren Willenskraft – und es ist ein Moment der Herrwerdung über sich selbst. Alles Innere schreit ihnen entgegen einen Gang runter zu schalten, vernünftig zu sein, sicherzugehen – und trotzdem sind sie fähig diesen Gedankenprozesses zu beherrschen, sie beiseite zu legen und den Sprung zu vollführen. An diesem Punkt kontrollieren sie ihren Körper, und nicht ihre Angst oder irgendein anderer Teil ihres Bewusstseins. Es ist großartig zu sehen, dass jemand diesen Zustand erreichen kann, und es ist noch viel besser ihn selbst zu erfahren und zu fühlen.
Wenn das passiert, hat man eine Schlacht gewonnen. Aber der Krieg wird ungeachtet dessen weitergehen. Es ist ein Krieg, der niemals endet. Der Feind ist nicht müde, ist rastlos, ist gnadenlos. Er wird auf dem Schlachtfeld warten, jedes Mal wenn wir uns entscheiden es zu betreten, die Arme verschränkt und mit einem wissenden Lächeln. Er weiß Bescheid, er kennt unser Intimstes – vielleicht besser als jeder andere in unserem Leben – und er weiß genau wie wir zu brechen sind. Umgekehrt aber kennen wir ihn genauso, und verstehen die Herausforderung, die er uns stellt, jedes Mal, wenn wir den Ruf an die Waffen erwidern. 
Es ist ein ebenerdiges Spielfeld – dennoch müssen wir alles geben, was wir haben!

2013 © Parkour Generations
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Link zum englischen Original: http://www.parkourgenerations.com/article/war
« Letzte Änderung: Januar 13, 2013, 06:46:18 Nachmittag von Steffen »

LukeMM

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Re: Der Krieg - von Dan Edwards
« Antwort #1 am: Mai 28, 2013, 10:29:34 Nachmittag »
Push!

TobiG

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Re: Der Krieg - von Dan Edwards
« Antwort #2 am: Oktober 12, 2013, 01:04:03 Nachmittag »
Ich habe vor kurzem mal das Forum duchstöbert und bin (erneut) auf euren Artikel gestoßen.
Und dazu erstmal: "Danke, dass ihr euch die Mühe gemacht habt den Text für uns zu übersetzten!"
Ich hoffe das allgemein schwache Feedback, hält euch nicht davon ab, uns auch weiterhin mit anregenden Texten zu unserem Sport zu versorgen.
Gerne auch in Originalsprache (solange es nicht französisch ist  :D).

Fabian MM

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Re: Der Krieg - von Dan Edwards
« Antwort #3 am: Oktober 12, 2013, 07:27:04 Nachmittag »
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