Datum: 20-10-17  Time: 17:59 Nachmittag

Autor Thema: Die Perspektive einer Frau - von Lauren Stokes  (Gelesen 2769 mal)

Steffen

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Die Perspektive einer Frau - von Lauren Stokes
« am: Januar 15, 2013, 01:45:33 Nachmittag »
Dudes,

hier ist der zweite Text, der frisch aus der Übersetzerfeder stammt. Nicht nur für die Damen wichtig, informativ und anregend!

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Die Perspektive einer Frau – von Lauren Stokes

Mit einem Hintergrund, der Mountainbiking, Ultimate Frisbee, Cross-Country Running, Pilates und Yoga umfasst, war ich begeistert, als ich die dynamische Disziplin von Parkour kennen lernte. Ich kam mit diesem Sport durch einen Dozenten der Universität, die ich in Japan besuche, in Kontakt und wurde auf einige Websites verwiesen, auf denen ich eine Auswahl von professionellen Videos und welchen aus Eigenproduktion fand. Es war fesselnd und inspirierend zugleich die explosiven und gleichzeitig katzengleichen Bewegungen einiger der Athleten zu sehen und unmittelbar stieg in mir das Verlangen auf, dieses neue, kraftvolle Training aufzunehmen.

Ich war nicht eingeschüchtert – eher wollte ich wissen, ob ich mich auch auf solch einem Level bewegen kann. Ich wusste, dass es vieler Stunden intensiven Trainings und einer Anleitung bedürfen würde, aber ich wusste auch, dass mein Ziel, solche Fähigkeiten zu entwickeln, durchaus erreichbar war. Die Flexibilität und der Flow der Bewegung, sogar die Größe der Muskeln einiger dieser Männer, waren beeindruckend, aber ich sah nichts von dem ich spürte, dass ich mich dem nicht anpassen könnte, oder mehr noch – nicht vielleicht sogar schon besaß. Ich wusste, ich würde keine Probleme mit einigen der einfacheren Bewegungen haben, aber ebenso war mir klar, dass ich an einigen der komplexeren und riskanteren Bewegungen würde hart arbeiten müssen. Obwohl dieser Sport offensichtlich sehr von Männern dominiert ist, gab es für mich nicht den leisesten Zweifel, dass Frauen durch Parkour ein ähnliches Level, eine ähnliche Stellung oder einen ähnlichen Skill erreichen konnten. 

Meine Parkoursucht fußt auf dem intensiven Hochgefühl das ich jetzt jedes Mal spüre, wenn ich ein Hindernis überwinde oder eine Bewegung mit Finesse ausführe. Wenn ich durch die Stadt gehe eröffnen sich neue Pfade der Kreativität wenn ich mir ausmale, wie ich meinen Körper durch die Umgebung bewegen kann. Doch obwohl meine Augen einen endlosen Spielplatz sehen weiß ich, dass ich mir stets meiner eigenen persönlichen und physischen Grenzen bewusst sein muss. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass diese Grenzen nichts mit dem Geschlecht, sondern ausschließlich mit unserer eigenen Vorstellungskraft zu tun haben.

Persönliche Einschränkungen können ihren Ursprung in vielen verschiedenen Umständen haben, aber ich habe herausgefunden, dass „Geist über Materie“ bereits die halbe Miete ist wenn es darum geht, seine Parkourtechniken zu verbessern: Sofern du zweifelst oder dir nicht visualisieren kannst eine Bewegung erfolgreich auszuführen, dann fahre nicht mit ihr fort – ganz gleich, was deine Gefährten sagen. Ermutigung durch andere ist hilfreich, aber du musst totalen Glauben und absolute Sicherheit in dir selbst haben. Da ich eine starke sportliche Vergangenheit habe tendiere ich dazu eine starke mentale Kraft, einen Willen, an den Tag zu legen, aber ich habe Frauen gesehen, die sich im Parkour eher zögerlich verhalten. Diese Unschlüssigkeit in Situationen, die vielleicht riskanter oder 'gefährlicher' sind, mag aus einer Mischung aus Natur und Erziehung resultieren, oder sie haben schlicht Angst davor sich zu verletzen. Ich für meinen Teil, wenn ich jemanden sehe – Mann oder Frau – der etwas derart Inspirierendes tut, kann nur noch denken „Das kann ich auch!“.

Einige Frauen mögen eingeschüchtert sein von den Vorteilen, die eine männliche Muskulatur nun mal mit sich bringt, oder sie können es sich aus einem anderen Grund einfach nicht vorstellen, die Bewegungen von wohltrainierten Männern zu duplizieren. Ich seh es als Herausforderung: Dass ich dazu in der Lage sein sollte zu tun, was jedes andere menschliche Wesen auch kann. Mir ist bewusst, dass jeder Mensch unterschiedlich ist, dass jeder seine eigenen Stärken und Schwächen hat, aber insgesamt denke ich, dass mentale Kraft nur eine Frage der Hingabe ist – und auf diesem Gebiet haben wir alle das gleiche Potenzial!

Natürlich bestehen körperliche Grenzen und das auf ganz unterschiedliche Weisen. Offensichtlich können wir alle von Verletzungen heimgesucht werden, sie können uns jederzeit in allem was wir tun beschränken. Aber darüber hinaus kann unser Körper an sich oft unsere Möglichkeiten in einem bestimmten Bereich oder einer Aktivität bestimmen. Weil Frauen einen anderen Körper haben als Männer ist folglich auch unser Zugang zu Parkour ein gänzlich anderer. Wenn ich mich z.B. nach einem Armsprung hochziehe kann es meiner sensiblen Brust oftmals wehtun, wenn sie an der Wand entlang schrappt. Das scheint mir nicht soviel auszumachen, da ich vielleicht eine höhere Schmerzgrenze habe, aber es könnte andere Frauen davon abhalten, diese Bewegung zu wiederholen. Genauso kann es einigen Frauen, die eine üppige Oberweite haben, bei Sprüngen ergehen: Die Knie zur Brust zu bringen ist eben schwieriger, wenn man größere Brüste hat als Knie, sie kommen dann einfach nicht so nah zum Körper. Tatsächlich kann Laufen allgemein sehr unbequem sein und auch die besten Sport BHs können dieses Problem manchmal nicht komplett lösen.

Aber heißt das, dass wir schlicht nicht so gut sein können wie die Männer? Ganz und gar nicht! Es heißt lediglich, dass wir eine andere Methode finden müssen, das ist alles. Es bedeutet, dass wir die Kraft entwickeln müssen uns an der Wand hoch und über sie ziehen zu können, ohne dass die Brust Kontakt mit der harten Kante hat. Es bedeutet zu lernen, die Bewegungen sich anpassen zu lassen, um auf unsere ganz eigene Weise über die Hindernisse zu flowen. Es bedeutet, Parkour auf die Art zu benutzen, in der es mal gedacht war – frei!

Kurzum: Man muss, ungeachtet des Geschlechts, Einschränkungen realisieren, erkennen und überwinden. Egal ob Mann oder Frau, jeder geht ein Verletzungsrisiko ein – genau wie in jedem anderen Sport – aber mit vorsichtigem Training und der entsprechenden Vorbereitung kann dieses Risiko minimiert werden. Oder sogar gänzlich getilgt. Zusätzlich Training, wie Gewichteheben, kann helfen bestimmten Muskelverletzungen vorzubeugen, ich empfehle jedem – insbesondere den Frauen – an der Kraft im Oberkörper zu arbeiten. Mindestens Liegestütze, Klimmzüge und Bauchmuskeltraining. Als ich zu trainieren begann, konnte ich mich bei einem Wall-Run oder einer Katze nicht hochbringen. Ich habe hart trainiert und habe jetzt die Kraft dazu, aber strebe immer noch an die Bewegung sanfter und flüssiger zu machen. Es ist alles eine Frage der schrittweisen Verbesserung der eigenen Fähigkeiten.

Letztlich kann Training, in dem man zusammen mit anderen Leuten sich auf etwas ganz bestimmtes konzentriert, beim Analyseprozess dieser Bewegung helfen. Ein erfahrener Mann kennt vielleicht einen großartigen Weg, um dir etwas beizubringen, aber ebenso kann dir manchmal eine unerfahrene Frau durch einfache Beobachtungen schildern und dir somit Ratschläge geben, dir für dich und deine Situation mehr Relevanz haben.

Alles in allem wäre es bei den ganzen Herausforderungen, dem Abwechslungsreichtum und den Möglichkeiten sich selbst zu verbessern im Parkour großartig, wenn noch mehr Frauen sich diesem Sport verschreiben würden. Aus der Perspektive dieser Frau, meiner Perspektive, gibt es soviel an Fortschritt, den wir noch machen können!

2013 © Parkour Generations
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Link zum englischen Original: http://www.parkourgenerations.com/article/parkour-woman%E2%80%99s-perspective
« Letzte Änderung: Januar 15, 2013, 05:45:02 Nachmittag von Steffen »

LukeMM

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Re: Die Perspektive einer Frau - von Lauren Stokes
« Antwort #1 am: Januar 15, 2013, 01:57:15 Nachmittag »
Stäääffeeenn <3

Fabian MM

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Re: Die Perspektive einer Frau - von Lauren Stokes
« Antwort #2 am: Januar 15, 2013, 06:26:00 Nachmittag »
Schön das ihr euch dran gemacht habt die Texte zu übersetzen. :)

Tim

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Re: Die Perspektive einer Frau - von Lauren Stokes
« Antwort #3 am: Januar 26, 2013, 01:36:35 Nachmittag »
Guter Text!
Max Runham trainiert mit nur einem Arm. Es gibt auch blinde Traceure. Es gibt kein „Ich kann nicht“. Es gibt nur ein „Ich muss es halt anders machen und an meiner Motivation arbeiten.“
Wenn es Nacht ist und es regnet, du Angst hast, fliehen oder kämpfen musst, dann läuft kein Dubstep.

Dome

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Re: Die Perspektive einer Frau - von Lauren Stokes
« Antwort #4 am: Januar 26, 2013, 02:26:07 Nachmittag »
Guter Text!
Max Runham trainiert mit nur einem Arm. Es gibt auch blinde Traceure. Es gibt kein „Ich kann nicht“. Es gibt nur ein „Ich muss es halt anders machen und an meiner Motivation arbeiten.“
Yes! Siehe: Nik Vujicic