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Autor Thema: Was ist Parkour für mich?  (Gelesen 2726 mal)

Tim

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Was ist Parkour für mich?
« am: Januar 30, 2013, 01:47:23 Vormittag »
Was ist Parkour für mich?

Für meine Jungs. Für meine Eltern und jeden der es verstehen mag. Für mich selbst, um klar zu sehen.

Was ist Parkour?

Parkour ist eine Bewegungskunst die durch viele verschiedene artistische körperliche Bewegungen ausgedrückt wird. Es ist Lebensgefühl, Denkweise, Philosophie und Community in einem.
Grundsätzlich ist Parkour eine Trainingsmethode den Körper optimal darauf vorzubereiten, dass er zu jeder Zeit, an jedem Ort, den schnellstmöglichen und effizientesten Weg von Punkt A nach Punkt B finden und beschreiten kann. Dies umfasst die Überwindung von Mauern, Geländern und Treppen im urbanen, sowie auch Bäumen, Hängen, Felsen und Bachläufen im natürlichen Terrain.
Ausführung findet diese Bewegungsform in fast täglichem Training des Traceurs in der Umgebung die er gerade vorfindet. Das geschieht durch springen, laufen, klettern, rollen und viel Körpergefühl. All das perfekt einzusetzen, abzuschätzen und zu beherrschen lernt man durch langjähriges und kontinuierliches Training. Parkour heißt, sich seiner Umgebung anzupassen und sich durch sie fortzubewegen. Nachhaltigkeit, Effizienz und Respekt gegenüber seiner Umwelt und seinem Körper stehen dabei zentral im Vordergrund.
Aber Parkour wird auch im Kopf ausgeführt. Parkour umfasst Werte, Eigenschaften und Tugenden wie Konkurrenzfreiheit, Respekt, Vorsicht, Vertrauen, Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft, Weitsicht und Hingabe. Erst all dies zusammengeführt, verbunden mit der Bewegung, macht Parkour aus. Parkour ist mehr als nur ein Sport.

Denn im Parkour geht es um Wertschätzung gegenüber kleinstem Fortschritt, Dankbarkeit für all das was wir genießen und erleben dürfen durch unser Training und Liebe zur Bewegung. Wenn du das verstanden hast, bist du in meinen Augen ein Traceur. Dieser Traceur sucht sich seinen Weg durch die Umgebung ohne sie oder sich selbst zu beschädigen. Dabei folgt er seinen Instinkten und gibt sich der Bewegung hin. Dies geschieht überlegt, dennoch kraftvoll und elegant. „Parkour machen“ bedeutet sich selbst, seine Seele, Wünsche und Hoffnungen in Bewegung und Taten auszudrücken. Es ist ein Wechselspiel zwischen einem bescheidenen Charakter, einem werteorientierten Leben und physischem Training.


Was ist Parkour für mich?

Vorab: Man macht nicht Parkour. Man denkt es und fühlt es, sieht es und tut es. (Bsp.: Der Parkour - Blick. Du siehst Spots an jeder Ecke und willst am Besten gleich raus und dort trainieren.) Salopp gesagt macht man zwar Parkour, aber es ist viel mehr als das. „Parkour machen“ ist für mich das Leben in dieser Welt. Parkour öffnet dir Wege und Möglichkeiten. Lässt dich deine Grenzen erkennen und dich stetig an dir arbeiten.
Ich möchte durch Parkour in der Lage sein Hindernisse des Lebens erst mit der mentalen Überzeugung und dann mit dem physischen Beweis überwinden zu können. Dies schrieb ich 2010. Über die vergangenen Jahre kam einiges hinzu.

Für mich ist Parkour 100% bewusste Wahrnehmung, zu jeder Zeit und an jedem Ort.
Parkour ist Respekt haben. Vor jedem Hindernis. Ob unbekannt oder schon 1000mal bezwungen. Ganz besonders aber vor Frauen, der Natur und allen Tieren. Vor kranken, älteren und erfahreneren Menschen. Vor deinem Körper. Schätze alle diese Dinge wert.
Parkour ist für mich Liebe geben. Wenn du Liebe gibst, dann erfährst du Liebe. Das gilt auch für dein Movement. Beleidigst du die Mauer oder deinen Körper, das Wetter, deine Schuhe oder Mittraceure, dann schaffst du es nicht. Gib Liebe und deine Umwelt und dein Körper werden es dir danken.
Parkour fängt vor einem Sprung im Kopf an. Visualisiere deinen Sprung oder deine Aufgabe, sei dir deines folgenden Erfolges bewusst und mach es.
Parkour ist für mich das komplette Gegenteil von Energydrinks, von Musik und Geklatsche gepushtem Training und Selbstprofilierung. Parkour ist still. Es ist Zeit und Raum unabhängig. Wenn es Nacht ist und regnet, du Angst hast, fliehen oder kämpfen musst, dann läuft kein Dubstep.
Ich mache Parkour nicht um anzugeben. Ich mache Parkour für mich. Wenn es andere Leute inspiriert oder zum Nachdenken anregt, ist es umso besser.
Ich trage Parkour in mir. Wohin ich auch laufe. Ich trage dadurch mein Selbst, mein Willen, meinen Anker und Rettungsring zugleich immer in meinem Herzen mit mir.
Parkour passt sich als einzige menschliche Handlung an die Umgebung an. Ich verforme mich nach ihr, nicht andersrum. Das macht Parkour in meinen Augen so einzigartig, so richtig und so natürlich.
Parkour ist in manchen Momenten Macht. Du spürst deinen Körper rasen, nichts kann dich aufhalten. Und noch weiter, höher, schneller, doppelter. Mehr Videos, mehr Skill, mehr zum Vorführen, mehr Möglichkeiten, mehr Bekanntheit. Das ist die dunkle Seite. Aber viel mehr als nur diese Macht zu spüren ist Parkour sich dessen bewusst zu sein und es zu kontrollieren. Nur dann kann Gutes entstehen. „Être fort pour être utile“. Sei ein Jedi. Helfe Menschen die in Not sind. „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“, Benjamin Parker.
Parkour ist mein Ausgleich zwischen Rationalität und Emotionen. Aber es ist nie Wut.
Parkour ist Aufwand. Denn allen voran ist es immer noch Training. Schweißtreibendes und konzentriertes Training. Man wird dreckig und bekommt Muskelkater. Dafür gibt es keine Apps. Kein elektronisches Gerät zeigt dir deinen Weg auf den du gehen musst. Den musst du schon selbst finden und gehen. Parkour reduziert dich auf das degenerierte Lebewesen Mensch das du bist. Es reizt dich diesem Zustand zu entkommen, zu verwildern, deinen Körper so schleichend wieder zu erobern wie er dir durch jahrelange Bequemlichkeit genommen wurde.
Parkour ist Kontinuität. Es gibt ein Vorher, ja, aber mitnichten ein Nachher. Es hält an. Wer „mal Parkour gemacht hat“, hat nie Parkour gemacht, hat es nie verstanden. Auch wenn ich mal für die Bewegungen zu alt werde, oder es aus sonstigen Gründen aufgeben muss mich so zu bewegen, werde ich Parkour immer im Kopf machen. Der Antrieb bleibt stets. Der Gedanke bleibt stets. Die Faszination bleibt stets. Das „selber Challenges setzten“ bleibt stets. Die Erinnerungen bleiben stets. „Ich habe das mal geschafft und werde das wieder schaffen“. Ob das eine Mauer oder eine Prüfung, ein Präzisionssprung oder ein Vorstellungsgespräch ist. Irgendwann ist es kein Unterschied mehr. Ob physische oder psychische Hindernisse, du kannst alles überwinden und bezwingen wenn du an dich glaubst.
Parkour gibt dir nur einmal zu Beginn etwas. Den kurzen Ausblick auf ein fernes Ziel, wie das Aufflackern einer Kerze. Dieser kurze Wink weckt etwas in dir. Ein undefiniertes Gefühl oder ein Gedanke. War es Euphorie? Eine Fluchtmöglichkeit? Die Chance auf Besonderheit? Der Weg zur Selbsterfüllung? So beginnst du „alles Drumherum“ selbst zu entwickeln. Alleine. So bekommst du Selbstvertrauen. So wirst du stark. So erfüllst du dich am Ende selbst.
Durch Parkour lernen wir Beherrschung. Etwas beherrschen tun wir, wenn wir es zeit- und raum- unabhängig ausführen können. So beherrschen wir Menschen nicht einmal das Stehen.
Parkour ist Therapie. Parkour ist der Spiegel zur Seele. Tatsächlich finde ich in Momenten des Trainings zur Ruhe. Sei die Bewegung von außen spektakulär oder unfassbar schnell, sie geschieht mit vollster Absicht, Überzeugung und Konzentration. Wie auch mein Vater stets zu sagen pflegte: „In der Ruhe liegt die Kraft.“

Parkour ist Kunst. Sie erfordert Übung und Konzentration, wie ein Bild das es zu malen gilt oder ein Musikstück das es zu komponieren und dann zu spielen gilt. Du brauchst eine Idee, oder legst einfach aus Intuition los. Du brauchst Farben und Instrumente. Das sind dein jahrelanges Training, deine aufgebauten Muskeln, die darauf abgestimmte Technik und deine Überzeugung. Dein Körper weiß was er tut wenn du einen Run startest oder auch nur ein einzelnes Hindernis in Angriff nimmst. Sobald du anläufst bist du der Visionär und im gleichen Moment der Genießer und der dessen Traum in Erfüllung geht. Das Fliegen mit dem eigenen Körper, das Dahingleiten über Beton und Asphalt. Lass dich von Träumen, Wünschen, Ängsten, Hoffnungen, Freude und Liebe inspirieren wenn du dich bewegst. Drück dich aus, male das Bild und spiel das Lied wie nie zuvor! Lass es aus dir herausbrechen, schreie, lache und weine! Und wenn dich keiner dabei sieht oder du dich kaum mehr als 2m² bewegst, ist es umso intensiver!  Eine Mauer taucht vor dir auf, augenblicklich liegt sie hinter dir. Deine Lunge mag brennen, deine Beine protestieren, aber dein Kopf weiß, ich kann und werde! Wir wollen! Du und dein Körper verschmelzen in solchen Momenten. Muskeln die sich um Stahl und Beton winden, Luft und Raum durchtrennen. Dein Kopf kreiert es, dein Körper führt es aus. Ihr seid eine unzertrennbare Einheit, ein Tier, das durch Dickicht läuft, auf der Flucht, auf der Jagd, auf der Suche oder einfach nur des Spaßes wegen. Die Zeit friert ein, das Hören vergeht. Du siehst deine Umgebung an dir vorbei gleiten, ein tranceartiges Fliegen bestimmt dein Sichtfeld und übernimmt deinen Verstand. Und doch fühlst du jeden Stein, jede Unebenheit an der Mauer, so klar und deutlich wie nie zuvor. Du bist dir dieses Rausches vollkommen bewusst und kannst dennoch jederzeit einschreiten. Du bist der Herr deiner Sinne, deines Körpers und deiner Bewegung und gibst dich trotzdem diesem Bewegungsdrang hin. Schmeißt dich in die Wogen des antrainierten Potenzials und lässt die Großkatze im Großstadtdschungel ausbrechen. So betrittst du eine Sphärenwelt in der dein Kopf ausschaltet, dein Körper die Oberhand über zivilisiertes Denken, Regeln, Normen, Anstand und Angst gewonnen hat und du in diesem Moment aus vollster Überzeugung das einzig Richtige tust. Laufen. Das bist du, höre auf dich, mach dich frei. Wie der weise Jedi Meister Obi-Wan-Kenobi schon sagte: „Nicht denken, fühlen!“ Ist das nicht das Natürlichste auf der Welt? Ist das nicht Leben?
Für mich ist es das und deswegen tue ich es. Frei sein und leben, meinen Körper spüren und alle Zwänge vergessen.

Wir sind ein Puzzle, ein Uhrwerk, eine Symmetrie, eine Sinfonie und eine Harmonie unseres selbst. Ein auf einander hörender und perfekt abgestimmter Körper, der aus Kraft, Technik und Geist besteht. Wir haben es nur vergessen. Parkour lässt mich diese Teile wieder in Einklang bringen. Darum tue ich es.
Früher war Parkour mein Ausgleich, den ich als Ziel angestrebt habe. Jetzt ist es mein Leben, aus keiner Sekunde daraus wegzudenken. Es erstreckt sich, losgelöst von den Bewegungen, in alle denkbaren Bereiche. Jetzt bezeichnet es den Weg zu dem Wesen was ich werden möchte. Jemand der mit sich und seinem Handeln zu 100% im Reinen ist, einen perfekten Ausgleich zwischen Körper und Seele gefunden hat.
An dieses Ziel werde ich zeitlebens streben, werde es aber nie erreichen. Parkour ist ein ständiger Kampf, eine nie endende Reise. Irgendwann wird man nicht besser, schneller, die große Kunst ist es, sich das einzugestehen. Darum tue ich es. Weil man nie auslernt. Das Ziel nie erreichen wird, wenn man sich selbst aufgibt. Immer mit einem verschmitzten Grinsen weitermachen kann. Auf so viele tausende Arten. Das Ziel „ein Wechselspiel zwischen einem bescheidenen Charakter, einem werteorientierten Leben und physischem Training“ zu erreichen.
Parkour ist Kreativität. Parkour ist das „von anderen lernen“ und doch seinen eigenen Weg finden. Parkour ist aber auch sich Zeit zu nehmen. Warten und Durchziehen. Glaube, Hoffnung, Traum und Wirklichkeit in einem. Parkour ist immer Bewegung, nie Stillstand. Es ist Angst und Gewissheit in einem, Stärke und Schwäche. Es ist aufstehen wenn ich hinfalle. Wieder und wieder. Es ist Selbstaufgabe und Selbstfindung kurz nacheinander. Wieder und wieder. Parkour ist das Minimalistischste was es gibt. Es ist lieben. Und somit ist es doch das Größte.

Für mich ist Parkour „die Macht“ aus Star Wars, das fernöstliche Qi, Buddah, Gott, Allah, die Natur, mein Daseinszweck und meine Ziele in Einem. Es umgibt uns omnipräsent und durchdringt uns unsichtbar. Parkour hat mich das Leben, mich selbst und meine Umwelt in all seinen Facetten zu lieben gelehrt. Ich liebe und lebe Parkour. Oder simpler: Ich liebe.
Wie schon Jason Matten sagte: „Ist not the movement, it’s the philosophie where is the key to“. Dieser Text ist meine Philosophie von Parkour. Das schreibe ich jetzt. Das bin ich.

Tim Heber 2013
« Letzte Änderung: Februar 18, 2013, 05:02:40 Nachmittag von Tim »
Wenn es Nacht ist und es regnet, du Angst hast, fliehen oder kämpfen musst, dann läuft kein Dubstep.