Datum: 20-10-17  Time: 18:00 Nachmittag

Autor Thema: Meine Gedanken zu Parkour und der Szene  (Gelesen 3345 mal)

Mo

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Meine Gedanken zu Parkour und der Szene
« am: Mai 24, 2013, 12:11:12 Nachmittag »
Was heißt für mich Parkour?
Was zeichnet einen guten Traceur aus?

Das sind Fragen die ich mir lange gestellt habe.
Wenn man die heutigen Parkourvideos betrachtet, wird einen oft  Spaß und Freiheit suggeriert. Parkour heißt mit Freunden eine tolle Zeit zu erleben und sich frei in der Stadt zu bewegen.
Je weiter und komplizierter die Bewegungen sind desto besser ist der Traceur.

"Du machst Parkour? Kannst du ein Salto? Kannst du von da nach da springen?" sind einige der Fragen die man gestellt bekommt.
Parkour wird meist nur auf das gesehende, auf die Bewegung, reduziert, denn das ist greifbar und nachvollziehbar.
Wirklich?
Ist es wirklich für jemand außenstehenden  nachvollziebar wie lange man für diesen oder jenen Sprung gebraucht hat?

Pardon ich stell die Frage anders:
Ist es überhaupt für einen anderen Menschen als wie für sich selber nachvollziehbar, was in solch einen Sprung steckt? Wie viel Ehrgeiz , Training, Konzentration, Gedanken ,Lust, Leidenschaft, Liebe, Bescheidenheit, Vorsicht und Gefühl in diesen einem Sprung steckt?
Leider nicht.

Wenn Leute mich gefragt haben was Parkour ist und warum ich es mache, habe ich ihnen Romane erzählt wie es mir damit geht, was Parkour in mir auslöst.
Ich habe die schönsten und erhabensten Wörter und Floskeln benutzt um annähernt dem Gefühl gerecht zu werden den ich beim Training habe.

Parkour heißt Leben, deswegen ist es nicht vergleichbar.
Parkour heißt eins mit sich und seiner Umwelt zu sein.
Parkour heißt den flowmoment zu leben, im Hier und Jetzt zu sein.
Parkour heißt Vorsicht,Bescheidenheit, Respekt, Toleranz,
Parkour heißt sich effizient zu bewegen.

Diese Beispiele lassen sich bekanntlich noch lange fortführen.
Viele Gespräche habe ich so geführt und einige waren begeistert andere weniger.
Und egal wie sehr ich mich auch angestrengt habe, die richtigen Wörter , Beispiele und Beschreibungen zu finden,es machte mich Unzufrieden.
Ich erkannte das man über Parkour viel reden, es lange beschreiben kann, wie es ist und was man tut.
Und ich erkannte, dass ich niemals beschreiben kann, was ich erlebe und fühle wenn ich Parkour mache.

Du willst wirklich wissen was Parkour für mich ist? Dann begleite mich ein Stück und erlebe was ich erlebe.Fühle was ich fühle.


Parkour heißt für mich: kein Ziel zu haben, das zu genießen und zu lieben was ich gerade tue und erlebe mit allen Einschränkungen und Freiheiten.
Und das Alles in dem Wissen, dass ich es für mich mache und es mich in meinem Leben weiter stärkt. "être et durer" (zu sein, um zu bestehen)

Diese Stärke, Leidenschaft und Liebe die ich empfinde und immer wieder von neuem finde, möchte ich mit besten Wissen und Gewissen teilen. Sei es gedanklich, körperlich oder spirituell. Dies ist meine Auffassung von "être fort pour être utile" (Sei stark, um nützlich zu sein)

Ich erlebe wie viel über Parkour diskutiert wird und was alles Parkour ist und was nicht.
Ob Saltos kein Parkour darstellen, da sie nicht effizient sind oder ob sie doch dazu gehören da Parkour als eine freie Bewegungsform gilt.
- Darf ich dies, darf ich jenes?
- Ist das Parkour? Ist das Freerunning?
- Wie heißt die Bewegung die du gerade gemacht hast? 360 degree spin reverse of to front flip precision landing roll whatever
- Ich trainiere seit einem Jahr. Jetzt muss ich einen Katzensprung können.
- Wie du machst keine Saltos? Dann kannst du dich nicht kreativ genug bewegen.
- Er schafft den Sprung obwohl er 2 Jahre weniger trainiert als ich. Er ist besser.
- Er ist der beste Traceur weil er die krassesten Sprünge macht.
- In 2 Jahren muss ich unbedingt diesen Sprung schaffen.

Viel wird geredet,viel wird behauptet, viel wird verglichen, viel wird in der Zukunft gelebt.

Ich seh wie sich die Szene verändert hat. Es wird oft als Selbstverständlich gesehen, dass es in jeder Stadt Workshops gibt. Natürlich muss es dazu ein T-shirt und/oder Armband geben sonst ist das Event nicht so gut gewesen.
- Wie das Event ist abgesagt? Tz dann gehe ich halt nur noch zu den Workshops in der anderen Stadt.
 - Boah das Event war das Beste, denn da waren die meisten Leute.
- Das Event war nicht so gut, der Parkourpark war zu klein.
- Geh da mal Weg, jetzt will ich springen.
- Komm los jetzt, spring! Den Sprung schaffst du!Mach einfach! Zieh durch!

Selbstverständlich ist für einige auch das Übernachten bei anderen Traceuren, da wird sich selten wirklich bedankt , das man 2 Tage bei jemanden wohnen durfte. Man betrachtet es als eine Art  kostenloseses Hotel.

Selbstverständlich ist das nur ein Teil der Szene die ich hier beschreibe und es gibt auch viele gegenteilige Beispiele, doch dies hier sind Erlebnisse dich sich häufen und ein immer größeren Teil der Community einnehmen.
Fakt ist leider das viele von Parkourwerten reden und sie scheinbar leben. Doch seh ich wenig Respekt, Toleranz und Nächstenliebe in der Szene.
Ich möchte auch nicht die ganze Szene in ein schlechtes Licht rücken oder mich darüber stellen. Ganz im Gegenteil: Ich habe bestimmt einige von diesen unschönen Verhaltensweisen die ich oben beschrieben habe, doch sie stören und verletzen mich zutiefst.
Auch möchte ich kein Appell an einzelne Leute schreiben und sie auffordern über sich selbst nachzudenken und sich zu ändern.
Ich möchte der Szene nur 2 Sachen mit auf dem Weg geben.

1: Überlegt genau für wen ihr das tut was ihr tut.
2. Und egal was ihr tut, lasst es mit Liebe geschehen

Danke das ihr meine Gedanken geteilt habt.

Mo

Tim

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Re: Meine Gedanken zu Parkour und der Szene
« Antwort #1 am: Mai 24, 2013, 12:46:13 Nachmittag »
Ohne mit dir seit Monaten gesprochen zu haben, hast du gerade einen Text gepostet der vom Gedanken her zum Teil hier schon von mir drin steht und zum anderen Teil gerade in Arbeit ist/ oder jetzt viel mehr war :)
Ich liebe dich und deinen Spirit Mo. Wundervoller Text. Treffend. Danke, dass auch andere die Szene so empfinden.
Wenn es Nacht ist und es regnet, du Angst hast, fliehen oder kämpfen musst, dann läuft kein Dubstep.

Sean

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Re: Meine Gedanken zu Parkour und der Szene
« Antwort #2 am: Mai 24, 2013, 02:04:36 Nachmittag »
Endlich!!...  Endlich mal auch jemand,der die richtigen Worte für diese jetzige Situation gefunden bzw. beschrieben hat. Einfach toll! Ich freue mich sehr, mit Dir demnächst/bald wieder einmal zusammen zu trainieren.

Cheers, Sean

Florian E-A

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Re: Meine Gedanken zu Parkour und der Szene
« Antwort #3 am: Mai 24, 2013, 02:12:04 Nachmittag »
Dieser Text bringt einen echt zum Nachdenken :) wunderschön geschrieben und formuliert. Kann ich nicht viel mehr zu sagen :D

Fabian MM

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Re: Meine Gedanken zu Parkour und der Szene
« Antwort #4 am: Mai 26, 2013, 07:51:30 Nachmittag »
Sehr schöne Momentaufnahme Mo. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du dir die Zeit genommen hast deine Gedanken nieder zu schreiben.

Steffi

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Re: Meine Gedanken zu Parkour und der Szene
« Antwort #5 am: Juni 03, 2013, 11:05:19 Nachmittag »
sehr schön in worte gefasst, mo! das spricht mir aus der seele :) Ich finde, gerade in unserem Alter muss man sich immer wieder bewusst machen, dass nicht nur das zählt, was die Augen sehen  - das verleitet häufig dazu, eigentlich hinderlichen Sachen eine ungemein wichtige Stellung zu geben - um das eigene Verhalten zu hinterfragen, muss man sich vielleicht erstmal überwinden, aber es hilft einfach ungemein. Gerade im digitalen Zeitalter ist es wichtig, denke ich, dass man nicht in eine oberflächliche Gedankenwelt abdriftet - so praktisch Internet und diese verfluchten Smartphones sind, das Leben findet nunmal draußen statt...ich sehe da z. B. eine super Verknüpfung zu Parkour: man muss sich selbst nen Kopf machen, wie man trainiert, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht, etc., oder man läuft Gefahr, von solchen Gedankenbildern wie "höher, schneller, weiter um jeden Preis" überrennen zu lassen.
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anmerkung: "Etre et durer" heißt "sein und bestehen" .... ich denke, das verdeutlicht, dass die Nachhaltigkeit des Trainings essentiell sein sollte, egal auf was man im eigenen Training Wert legt, ob präzise Bewegungen, Flips, o.ä. , niemand will in 3 Jahren zurückblicken und feststellen, sich physisch kaputt gemacht zu haben, denke ich.
"Don’t let anyone tell you what to think, don’t let anyone tell you what to believe.
Don’t let anybody shove anything down your throat. Life is about making up your mind
 for yourself. Everything we do, every step we take, it affects the direction of the world." - Tim McIlrath