Datum: 14-12-17  Time: 23:57 Nachmittag

Autor Thema: SPLIT von Stephan Vigroux  (Gelesen 3765 mal)

Fabian MM

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SPLIT von Stephan Vigroux
« am: November 16, 2013, 12:59:22 Vormittag »
Ein Text mit sehr klaren Worten von Stephan Vigroux zum derzeitigen Verständniss von Parkour. Meines Wissens das erste Mal, dass einer der Traceure der ersten Stunde so klar Stellung bezieht. Möge sich jeder selbst seine Meinung bilden.

http://asia.parkourgenerations.com/news/split-stephane-vigroux

Tim

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Re: SPLIT von Stephan Vigroux
« Antwort #1 am: November 16, 2013, 01:34:01 Nachmittag »
Unbedingt lesen.
Wenn es Nacht ist und es regnet, du Angst hast, fliehen oder kämpfen musst, dann läuft kein Dubstep.

leStu

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Re: SPLIT von Stephan Vigroux
« Antwort #2 am: November 16, 2013, 09:43:01 Nachmittag »
Danke fürs Teilen.

svenJ.

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Re: SPLIT von Stephan Vigroux
« Antwort #3 am: November 17, 2013, 02:40:46 Vormittag »
ich hab das mal ins deutsche übersetzt... wer Fehler findet oder irgendwas anders übersetzt haben möchte, darf gerne einen Kommentar schreiben, ich ändere das dann noch.  ;)

Das englischsprachige Original ist unter dem Link zu finden, den Fabi schon gepostet hat (danke!)

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DIE AUFSPALTUNG (THE SPLIT)
von Stephane Vigroux

Dadurch, dass ich aus Frankreich komme und mein Parkour (beginnend in 1998) in Lisses mit David Belle gelernt habe, hatte ich das Glück, Teil der Anfangszeit von Parkour zu sein. Ich hatte die Chance, zu einer Zeit zu lernen und zu trainieren, zu der das, was wir taten, für die Welt noch völlig unbekannt war: nur ein paar verrückte junge Leute, die "irgendwas" in einer kleinen Stadt trainierten. Kein Interesse vom Fernsehen, keine Zeitungen, keine Kameras, kein Internet. Nur die Stadt, unsere Suche nach Identität, Ängste, und ein Körper und Geist, die sich nach Herausforderungen und Weiterentwicklung und Wachstum sehnten.

Mein Training mit David Belle, Sebastien Foucan und Williams Belle hat mich sehr inspiriert und natürlich begann ich bald, selbst zu unterrichten und etwas von meinem Wissen mit anderen zu teilen.

Während ich mein Wissen weitergab und die neue Generation von Traceuren traf, wurde mir bewusst: Parkour entwickelt sich, es verändert sich, und ein Teil wird dabei verwässert. Es entwickelt einen eigenen Trend und ein eigenes Bewusstsein.

Damals dachte ich, das sei in Ordnung, so lange wir den Geist und die Grundlagen von Parkour am Leben erhalten, ich dachte, dass es für alle genug Platz gibt und dass wir freie Menschen sind, die Dinge so denken und tun, wie wir möchten. Ich wollte lieber versuchen, den Fokus auf die Dinge zu legen, die wir gemeinsam haben, auf die Ähnlichkeiten zwischen unserer Bewegung und Denkweise und Lebensweise, anstatt unsere Gemeinschaft schon so früh in der Entwicklung unserer "Bewegung" noch mehr zu spalten.

Also war meine Herangehensweise und meine Botschaft in den ersten 5-6 Jahren die einer Vereinigung, die ganze Sache als EINE Bewegung, die wir zusammen entwickeln sollten, betrachtend. Diese Herangehensweise war, denke ich, anfangs richtig.

Im Laufe der Jahre habe ich seitdem eng mit so ziemlich jeder größeren Parkour-Gemeinschaft auf der Welt zusammengearbeitet. Ich hatte viel Zeit, zuzuschauen, wie alles wuchs und sich entwickelte, und kam zu dem Schluss, und ich kann heute ehrlich sagen, dass die "Redbullion"-Leute (ein Begriff, den Sebastien Foucan einführte, um den Virus zu beschreiben, der unsere Bewegung verwässert) und die, die angeben wollen, NICHT Parkour machen! Sie trainieren NICHT die Disziplin, die wir vor Jahren in Frankreich begonnen haben.

Während ihre Sprünge im Video gleich aussehen, sind die Bedeutung hinter solchen Sprüngen, die Gründe und die Motivation sie auszuführen, die Einstellung während man sie tut und die Absicht grundsätzlich verschieden. Parkour bedeutet nicht, und hat es nie bedeutet, wahllos Akrobatik an Wänden vorzuführen. Was wirklich wichtig ist, was jedes Individuum bereichert oder zerstört, ist, was hinter der Leistung steckt. In dieser Hinsicht sehe ich eine richtige Aufspaltung bei vielen der neuen Generationen, die Parkour ausüben wollen.

Lass mich erklären, was Parkour wirklich ist: Parkour ist eine auf Bewegung basierende Übung, die dabei helfen soll, Individuen körperlich und mental zu stärken, sie zu ausgewogenen und abgerundeten Menschen zu machen, die dann mit diesen starken Grundlagen der Gemeinschaft und anderen helfen.

Es ist eine ziemlich weite Definition und ich bin mir sicher, dass jetzt viele denken: "ja, das bin ich, ich mache das". Aber denkt noch einmal darüber nach. Details machen den Unterschied. Parkour ist ein BEWUSSTSEIN. Eine Einstellung, eine Kultur der harten Arbeit und des Aufwands, was es Parkour ermöglicht hat, überhaupt zu existieren. Ohne dieses Bewusstsein, wenn es nur auf den furchtbar hohlen und oberflächlichen Events und der Botschaft von Redbull basieren würde, wäre es nie erfunden worden.

Wie gesagt, es sieht optisch gleich aus, aber was hinter dem Sprung in deinem Kopf vor sich geht entscheidet für mich ob du Parkour machst oder nicht. Es ist ein Bewusstsein, das man in vielen verschiedenen Aktivitäten oder Personen finden könnte, und dies ist die Seele von Parkour. Nicht der verdammte Sprung!

Parkour sollte persönlicher sein, mit einem Fokus auf der inneren Arbeit, die jeder tun muss, um in vielen verschiedenen Aspekten des Lebens stärker zu sein. Dies ist ein Bewusstsein. Und finden könnte man dieses Bewusstsein im Malen, Schreiben, Boxen, usw. Tatsächlich in so ziemlich allem, was wir tun.

Ein Gespräch mit meinem Freund Ido Portal letztens bestätigte mich darin. Es geht wirklich nicht darum, was du tust, sondern WIE du es tust. Mit welcher Absicht und welcher Einstellung. Ich fühle mich mehr mit Leuten verbunden, die irgendeine Aktivität mit so einer Einstellung ausüben, als mit irgend einem Redbullion-Typen den ich treffen könnte.

Wenn ich auf Youtube Parkour oder Freerunning eingebe, kann ich mich mit 99,99% der Ergebnisse nicht identifizieren. Warum? Was wir tun ist innerlich absolut verschieden. Während wir in Parkour versuchen, uns selbst besser zu verstehen, zuversichtlicher, ein glücklicherer Mensch und auf vielen Ebenen unseres Lebens stärker zu sein, füttert die andere Sorte ihre Egos mit kurzfristigen Vorführungen, die nur zu mehr Leid und letztendlich zu dem Ende ihrer Bewegung und ihrer Gesundheit führen werden.

Es gibt eindeutig eine AUFSPALTUNG zwischen unseren Aktivitäten. Das Wort Parkour wurde zu viel und falsch benutzt. Es hat Stärke und Bedeutung verloren. Die Identität von Parkour wurde gestohlen und ausgebeutet. Diese falschen Darstellungen stehen heute für alles, gegen das wir in den Anfängen von Parkour angekämpft haben. Diese großen Marken verkaufen unsere Kultur an uns selbst, fangen uns im Konsum ihrer Produkte, versuchen, das Bild von Parkour zu besitzen und zu missbrauchen, um Energy Drinks, Spielkasinos, Turnhallen zu verkaufen... Je mehr du dieser Mentalität folgst, umso weniger frei und stark bist du.

Wenn man darüber nachdenkt, ist das ziemlich beunruhigend. Diese neue Form hat ein Bewusstsein angenommen, das das Gegenteil von dem ist, aus dem Parkour ursprünglich entstanden ist! Bei ein paar Nachforschungen habe ich viele Leute aus der Skateboard- und Graffiti-Szene gefunden, die höflich ausgedrückt "unzufrieden" mit den massiven Kampagnen von Organisationen wie Redbull sind. Es mögen Puristen sein, aber es sind Leute, die wissen, dass sie ausgebeutet werden, und die gegen den Mechanismus ankämpfen, der auch sie beraubt.

Mein Freund Sebastien Foucan, der nach Jump London den Begriff Freerunning verbreitete, tut mir wirklich leid: seine ursprüngliche Definition dieses Wortes ging ebenfalls verloren und wurde von dem großen Parasiten verschlungen, und nun steht es für etwas völlig anderes.

Überlege, was du tust. Denke über deine Handlungen und Schritte nach. Warum tust du etwas? Warum begibst du dich in Gefahr? Sei ehrlich zu dir selbst, wenn du diese Fragen beantwortest. Und finde heraus, ob das, was du tust, wirklich mit einer positiven und bedeutenden Philosophie zu vereinbaren ist. Denke nicht, dass du frei und stark bist, nur weil du gerade deinen neuen Sprung auf Youtube hochgeladen hast oder von irgend einer sinnlosen Firma gefördert wirst.

Ich habe bis jetzt nichts gesagt und ich werde mit diesen Worten vielleicht ein paar Facebook-"Freunde" verlieren, aber ich habe das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Denn das, was wir bisher trainiert haben, liegt im Sterben und wird durch einen Witz ersetzt. Durch etwas, das keinerlei Tiefe oder Bedeutung hat. Ich glaube, viele ernsthafte Traceure auf der Welt teilen diesen Gedanken, und ich fordere euch alle auf, lauter zu werden!


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http://asia.parkourgenerations.com/news/split-stephane-vigroux
« Letzte Änderung: Januar 27, 2014, 11:20:42 Vormittag von svenJ. »

Fabian MM

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Re: SPLIT von Stephan Vigroux
« Antwort #4 am: November 20, 2013, 11:45:20 Vormittag »
Wuoaaaa danke Svenja. Damit hast du einigen glaube ich einen großen Gefallen getan.

Dome

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Re: SPLIT von Stephan Vigroux
« Antwort #5 am: November 20, 2013, 12:43:04 Nachmittag »
Mit schönen Worten übersetzt, super!

"Wie gesagt, es sieht optisch gleich aus, aber was hinter dem Sprung in deinem Kopf vor sich geht entscheidet für mich ob du Parkour machst oder nicht. Es ist ein Bewusstsein, das man in vielen verschiedenen Aktivitäten oder Personen finden könnte, und dies ist die Seele von Parkour. Nicht der verdammte Sprung!"

 :thumbup:

Sean

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Re: SPLIT von Stephan Vigroux
« Antwort #6 am: Januar 01, 2014, 01:50:03 Nachmittag »
Habe ich mir auch bereits vor einiger Zeit durchgelesen - ein wirklich sehr, sehr schöner Text! Und @Dome: True Story :-) !